Stärke und Schwäche

Erst vor kurzem ist mir ein Gespräch in den Sinn gekommen, das ich vor vielen Jahre mit meinem Sensei Werner Lind führte. Nicht viele wissen, dass er Zeit seines Lebens immer Freunde und Bekannte unterstützte, die in Not waren oder seine Hilfe brauchten. Er versorgte sie mit Geld, Unterkunft, Essen und jeder Art von Unterstützung, die er aufbringen konnte. Manchmal ware es Karateschüler aus dem In- und Ausland, machmal Bekannte von früher.
Oft hatte ich den Eindruck, dass sie ihn nur ausnutzten. Das ärgerte mich, besonders weil ich wusste, dass er nie etwas für sich selbst nahm. Dann sollte er nicht noch ausgenutzt werden.

Werner_2009_02Eines Tages sprach ich ihn darauf an. Er meinte nur zu mir: „Vermutlich nutzen sie mich wirklich aus, Denke nicht, dass ich das nicht sehe. Trotzdem tue ich es, denn es geht ihnen schlechter als mir. Wenn ich freiwillig gebe und sie mich ausnutzen, dann ist das keine Schwäche von mir, sondern von ihnen. Nur mit Stärke kann man geben, obwohl man das Risiko sieht, dass man ausgenutzt wird.“

Das hat mir sehr imponiert, und zugleich war mir ein bisschen peinlich, dass ich geglaubt hatte, er würde die Umstände nicht wirklich erfassen. Später in meinem Leben gab es noch viele Situationen, in denen ich an dieses Gespräch denken musste und mir klar wurde, dass wahre Stärke nicht im ängstlichen Bewahren bestehen kann. Es hat mir eine neue Richtung gegeben.

Und noch etwas anderes habe ich über all die Jahre beobachtet. Aus den Umständen, in denen es aussah, als wäre da nur Ausnutzen, Täuschen oder Eigennutz gewesen, ist oft später irgendwie etwas Positives entstanden. So als hätte seine Kraft im Geben eine Saat gelegt, die viele Jahre später unerwartet gute Früchte trug.

Ursel Gantke

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